Wir brauchen mehr als ein Strohfeuer

Läuft in unserer Bildungsrepublik alles rund? Man könnte es beinahe glauben. So ist Deutschland das viertstärkste Industrieland weltweit bei gerade einmal 1,2 Prozent Anteil an der Weltbevölkerung. Eine Grundlage für diesen Erfolg ist unsere Stärke in Bildung, Forschung und Innovation. Auch die Ergebnisse der neuesten Pisa-Studie stimmen optimistisch. In Mathematik, den Naturwissenschaften und im Lesen liegen wir über dem OECD-Durchschnitt. Die OECD spricht gar von einer »relativ einmaligen Entwicklung unter den Pisa-Teilnehmern«. Und: die Leistung hängt nicht mehr so stark von der Herkunft ab wie noch vor zehn Jahren.

Ist also tatsächlich alles gut? Ja, vieles ist besser geworden. Und nein, wir dürfen deshalb nicht die Hände in den Schoß legen. Rund 29 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren wachsen gemäß Nationalem Bildungsbericht 2012 in einer Risikolage auf: Geringe Bildung, niedriges Einkommen oder Erwerbslosigkeit der Eltern schränken ihre Bildungschancen ein. Daher ist es meine feste Überzeugung, dass die Förderung der Benachteiligten oberste Priorität haben muss. Kinder sind unsere Zukunft. Bildung ist der Schlüssel für die individuelle Entwicklung, für gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe, und – in unserem rohstoffarmen Land – auch für wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg. Wir wissen aus Erfahrung, dass außerschulische Angebote den Beitrag der Schule zur Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig ergänzen. Sie eröffnen neue Perspektiven auf kulturelle Themen und Fragestellungen. Viele Jugendliche machen hier erstmals die beglückende Erfahrung, wie sehr es sich lohnen kann, konzentriert eine Aufgabe zu Ende zu führen, im Team kreativ zu sein, ein eigenes Werk zu schaffen. Das stärkt das Selbstwertgefühl.

Aus diesen Gründen ist das Programm »Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung« des Bundesbildungsministeriums so wichtig. Im Vordergrund des Projekts steht die Eröffnung neuer Bildungschancen – vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Zugleich sollen die Bündnisse aber auch eine neue soziale Bewegung für gute Bildung anstoßen und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Zukunft junger Menschen aktivieren. Wenn sich Vereine, Museen, Bibliotheken, Chöre und Privatpersonen zusammen für bildungsbenachteiligte Kinder einsetzen, übernehmen sie demokratische Verantwortung im besten Sinne, jenseits aller Lippenbekenntnisse.

Auch in meinem Wahlkreis in Bonn gibt es viele Beispiele bürgerschaftlichen Engagements, drei Projekte werden derzeit durch »Kultur macht stark« unterstützt. So entdecken und erforschen z. B. Jugendliche der Königin-Juliana-Schule, einer städtischen Förderschule mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung, in wöchentlich stattfindenden Workshops das Kunstmuseum Bonn.

Die zentrale »Kultur macht stark«-Förderdatenbank enthält aktuell 2.500 bewilligte Maßnahmen in ganz Deutschland. Wichtig ist mir dabei allerdings, dass die lokalen Bildungsbündnisse kein Strohfeuer werden, sondern sich nachhaltig in das Leben vor Ort auf Dauer integrieren. Ist dieses Ziel erreicht, sind wir unserer Bildungsrepublik wieder ein gutes Stück näher gekommen!

(Dieser Artikel erschien im Politik & Kultur-Dossier des Deutschen Kulturrates, Mai 2014.)