Ein riesiges Gemeinschaftsprojekt – Erfahrungen einer Wahlkämpferin

Artikel aus der ZdK-Publikation Salzkörner, 19. Jg. Nr. 5

Ein riesiges Gemeinschaftsprojekt – Erfahrungen einer Wahlkämpferin

Dr. Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des ZdK, ist
zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt
worden. Wir haben sie gebeten, von ihren Erfahrungen
als Wahlkämpferin zu berichten.
In den ersten neun Monaten dieses Jahres habe ich mich
mit zunehmender Intensität im Bundestagswahlkampf engagiert.
Es war der erste Wahlkampf, an dem ich aktiv beteiligt
war und das gleich als Kandidatin. Jenseits aller politischen
Streitthemen und parteipolitischer Festlegungen
hier einige Beobachtungen und Erkenntnisse.
Wahlkampf als ein Gemeinschaftsprojekt
Wohl kaum hätte ich je vorher halbwegs realistisch eingeschätzt,
wie viel ehrenamtliches Engagement in so einem
Wahlkampf vor Ort steckt: Allein hier in Bonn hatten wir
über 80 Freiwillige, die in unterschiedlichen Gruppen sich
fest eingebracht haben. Das reichte von der Bereitschaft,
mich mal von Termin zu Termin zu kutschieren, bis hin zu
wochenlanger Mitarbeit bei der Standbesetzung für unseren
größten Werbegag, einen italienischen Ape als Kaffeeroller.
Viele Leute haben mich gefragt: Wieso haben Sie so
viele Mitarbeiter? Wer bezahlt das alles? Alles Ehrenamt!
Persönlicher Einsatz in der Freizeit, ohne jedes Entgelt, vielleicht
aus parteipolitischem Kalkül, persönlichen Ambitionen,
aber vor allem aus dem Interesse an einer lebendigen
Demokratie. Die braucht viele Demokratinnen und Demokraten,
die sich für die Politik engagieren – nicht nur, aber
auch im Wahlkampf.
Hausbesuche
Ich stand der Methode ja sehr skeptisch gegenüber. Hausbesuche?
Das war mir viel zu aufdringlich, erinnerte mich
an Staubsaugervertreter. Doch nach den ersten Anlaufschwierigkeiten
klappte es ganz gut, vor allem dann, wenn
ich mit jemanden unterwegs war, der in der Nachbarschaft
bekannt war. Die Reaktionen deckten das ganze Spektrum
ab: von Tür vor der Nase zugeschlagen bis bestens vorbereitet:
Mein Wahlprogramm lag auf dem Wohnzimmertisch,
war durchgearbeitet, die kritischen Punkte angestrichen.
Doch was mich nach vielen Begegnungen vor allem
bewegt: Wie viele ältere Menschen, meist Frauen, habe
ich angetroffen, die ganz alleine leben. Sie waren einsam,
mein Klingeln bot die erste Gelegenheit am Tag zu reden.
Manchmal war es eine ganze Zeile Reihenhäuser am Stück:
nur Witwen; ein ganzes Stadtviertel, dm man ansieht, dass
hier keine Kinder, ja keine Leute unter 50 wohnen. Quo vadis
Deutschland? An zwei Türen haben wir geschellt, hinter
denen gerade ein Sterbender lag, bei ihm der Pfleger bzw.
die Ehepartnerin, aber unbeachtet von der Familie oder
Nachbarschaft. Einmal habe ich gleich noch ein „Vater unser“
am Bett vorgebetet und habe dann das Haus erschüttert
von so viel menschlicher Einsamkeit verlassen.
Bilder sagen mehr als tausend Worte
Natürlich habe ich das gewusst, aber wenn man mittendrin
steckt, ist es noch einmal etwas anderes: „Bilder sagen
mehr als tausend Worte“. Wichtiger als das Ereignis und
die Gespräche selbst ist der Bericht in der Zeitung. Wichtiger
als ein Termin ist die Frage, ob die Zeitung davon ein
Foto bringt, auf dem man vorteilhaft zu sehen ist.
Und was für ein Drama, ein Foto von mir auszusuchen, das
für das Wahlplakat zu gebrauchen war. Ausgesucht haben
wir am Ende eins, das entstanden ist, als es gar nicht um
das Plakat ging. Auf der Homepage, in Facebook, auf jeder
Drucksache haben wir uns häufig mehr Gedanken gemacht
über die Bilder als über den Text. Die Wirkung ist rasant.
Wir beurteilen eine Person über den äußeren Eindruck,
über das Bild, schon bevor wir es wahrhaben wollen. Bezeichnend
vielleicht die Reaktion einer Passantin beim
Straßenstand nach der Woche mit der Debatte um die
Frauenquote und die Rolle von Frau von der Leyen. Zitat:
„Also diese Frau von der Leyen, die hat sich ja gemacht, die
wird der Kanzlerin noch gefährlich.“ Spätestens da habe
ich mich schon innerlich aufgerichtet, hatte alle Argumente
für und gegen die Frauenquote parat, hätte jedes Detail
der Abläufe in Berlin wiedergeben können. Doch dann:
„Wissen Sie noch, was die früher für eine Frisur hatte und
wie die dagegen jetzt aussieht?“
Salzkörner 19. Jg. Nr. 5
5 November 2013
Zentralkomitee der deutschen Katholiken
Demokratie Wahlkampf 9
Die hohe Kunst der Podiumsdiskussionen
Vertreter von bis zu sieben Parteien, jeweils ein ganzes
Wahlprogramm voller Themen, ein Saal mit Zuhörern, die
gerne auch mitreden würden. Bei den Podiumsdiskussionen
war die hohe Kunst der Moderation gefragt. Ganz
schlecht: Eine Frage an alle acht Parteien, von jedem ausführlich
beantwortet, das Wort nur weitergegeben und
dann auch noch Entgegnungen und Ergänzungen, frühestens
eine halbe Stunde später die Chance für eine neue
Frage. Aber es gab auch hervorragend vorbereitete, inhaltlich
sehr intensive und zugleich methodisch witzige, abwechslungsreiche
Veranstaltungen. Am besten aus meiner
Sicht die Diskussionen in zwei katholischen Gymnasien, jeweils
mit den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe. Da
könnten wir uns für jeden Katholikentag etwas abschneiden.
Der Abgeordnete, der Allmächtige?
Jede Woche habe ich – auch schon als Kandidatin – Bürgersprechstunden
angeboten, teils zu aktuellen Fragen, in
der Regel aber als offene Gesprächsangebote. Die längste
Zeit meldeten sich Mitbürger, die mit mir über politische
Streitfragen diskutieren oder meine Position abklopfen
wollten. Doch zum Schluss kamen auch Menschen, die mir
ihre persönlichen Anliegen und Problem vortragen wollten.
Darunter waren erschütternde Einzelschicksale und
verzwickte Situationen. Was ich hier berichten will, sind
die Fälle, wo Menschen mit der Erwartung zu mir kamen,
eine Kandidatin, erst recht aber später eine Abgeordnete,
könnte an jedem Recht und Gesetz vorbei, „mal eben was
regeln“. „Sie kennen bestimmt jemanden, den sie fragen
können“ – ja, oft war das der Fall, und ich frage gerne, um
Kontakte herzustellen, Informationen zusammenzubekommen
oder neue Lösungsvorschläge zu entwickeln. Aber gestört
hat mich die Voreinstellung, dass „Politiker“ nicht an
Vorgaben und Verfahren gebunden sind, die auch ansonsten
gelten – dass es bei ihnen nur auf ihren persönlichen
Einfluss ankommt, um Gesetze, Gerichtsurteile oder rechtliche
Auflagen im Sinne ihrer persönlichen Interessen unterlaufen
zu können.
Die letzten drei Wochen
Nach dem Ende der Sommerferien in NRW blieben bis zum
Wahltag drei Wochen. Die Innenstadt füllte sich wieder,
die Leute waren zurück aus dem Urlaub, stellten sich auf
Schule und Arbeit ein und ab dann war die Bundestagswahl
auch ein Thema. Warum soll ich Sie wählen? Jetzt
war das mehr als eine rhetorische Frage, sondern zentraler
Entscheidungsdruck. Und jetzt konnte man auch länger
und differenzierter einzelne Themen diskutieren. Echte Suche,
Ringen um Antworten auf der einen Seite, aber auch
die Rückmeldung: „Hat ja doch alles keinen Zweck“, „Die
belügen uns ja doch alle“, „Die Politiker sind alle Verbrecher“.
Tja, noch war ich es gar nicht ganz, da galt dieses
Gesamtvotum auch schon unterschiedslos mir, die ich da
am Wahlstand stand. Welch großer Auftrag? Welche Verantwortung,
es besser zu machen und jedenfalls nicht neuen
Stoff für diese Zuschreibungen zu liefern? Umgekehrt
aber durchaus auch: Welche Realitätsferne oder Ahnungslosigkeit,
die einem manchmal entgegenschlug.
Die eigene Stadt kennenlernen
Seit 2004 wohne ich mit meiner Familie in Bonn. Beruf, Kinder,
Ehemann; ich dachte immer, wir wären gut angekommen
und vielfältig in unserer neuen Heimat vernetzt – bis
ich dann Wahlkampf gemacht habe. Ich habe nicht nur viele
Straßen und Stadtviertel, sondern auch viele Organisationen,
Einrichtungen, Verbände und Vereine kennengelernt,
von denen ich vorher nicht gehört hatte. Ich habe sehr
viele neue Menschen kennengelernt und besonders viele,
die sich außerordentlich ehrenamtlich einsetzten. Und ich
hatte viele gute Gründe, Häuser zu betreten, zu denen ich
sonst noch lange nicht, wenn überhaupt jemals Zugang bekommen
hätte. Was es nicht alles gibt in unserer Stadt an
Leid, Ausgrenzung, Heimatlosigkeit, aber auch an Einsatz
und Engagement zugunsten der Ärmsten. Ich bin nachhaltig
beeindruckt. Für mich waren allein schon deshalb
die Monate des Wahlkampfes eine große Chance, ein Geschenk
und im guten Sinne ein Bereicherung.
Erst recht jetzt, nachdem mich die Wählerinnen und Wähler
mit so großem Vertrauensvorschuss ausgestattet und
als ihre Repräsentantin nach Berlin geschickt haben, denke
ich an diese Begegnungen und Erfahrungen des Wahlkampfes
zurück und hoffe, ich kann der Verantwortung gerecht
werden.
| Dr. Claudia Lücking-Michel MdB |
Vizepräsidentin des ZdK